Grandiose Leidenstour für zwei über die Alpen
Radsport 800 Kilometer, 18 gewaltige Hochgebirgspässe:
Die TOUR-Transalp ist für Tausende Hobbyfahrer das Ziel der Träume.
Grenzerfahrungen: 18 Alpenpässe, bis 30 Kilometer lang, gilt
es im Zweierteam zu überqueren – das bedeutet 18-mal mentale und körperliche
Höchstbelastung. Fotos: Uwe Geißler
Mal ist sie unglaublich heiß, mal verdammt kühl. Ihre Kurven
machen süchtig, ihr Profil flößt Furcht ein. Sie ist ebenso unbarmherzig wie
begeisternd, schürt wie keine Zweite Wechselbäder der Emotionen. Ein Rendezvous
mit ihr bedingt monate-, wenn nicht jahrelange Vorbereitung. Wenn es dann
endlich so weit ist, quält sie dich und verursacht pausenlos Stress – und doch
wird jeder ihrer Liebhaber mit leuchtenden Augen noch seinen Enkeln von der
lustvollen Leidenswoche mit ihr erzählen.
Nur gemeinsam ist man stark
Seit acht Jahren ist die TOUR-Transalp für Tausende
Hobby-Rennradsportler in aller Welt d a s Objekte der Begierde. Am 1. Dezember,
dem Tag der Online-Anmeldung für 2011, werden auch diesmal die Startplätze
wieder in Minutenschnelle vergeben sein. Martin Paffenholz (39) aus Bad Breisig (Anmerkung: Ist in Wirklichkeit aus Bad Bodendorf und gehört der Radsportgruppe des SCB an!!!)
hat sich den Traum bereits in diesem Jahr erfüllt, hat eine Woche lang einen
Alpenpass nach dem anderen und dabei immer wieder auch den eigenen Schweinehund
bezwungen: 800 Kilometer von Oberbayern bis zum Gardasee, 7 Etappen ohne
Ruhetag, 18 brutale Pässe, 20 000 Höhenmeter – gemeinsam mit dem Autor dieser
Zeilen, denn allein nützt die grandioseste Leistung gar nichts.
Als „Finisher“ dieser (Tor-)Tour gilt nur, wer es als
Zweierteam bis ins Ziel schafft. Dabei werden die Zeiten beider Partner nicht
etwa addiert – pro Etappe zählt für jedes Team ausschließlich das Resultat des
Zweitplatzierten. Heißt: Wer schlau ist, bleibt zusammen; der Stärkere hilft dem
Schwächeren, gibt Windschatten, kümmert sich um die Verpflegung, motiviert.
Unsere gegenseitige Motivation beginnt bereits im Jahr zuvor.
Irgendwann im Frühling lernen wir uns im Ahrtal kennen (auf dem Rennrad
natürlich), merken schnell, dass wir ähnlich ticken, ähnliche sportliche
Ambitionen haben und – ganz wichtig – in ähnlichem Tempo unterwegs sind.
Eiskalt: Zwischen Schneewänden hindurch kämpft sich das Feld
auf der zweiten Etappe hinauf zum 2509 Meter hohen Timmelsjoch.
Monatelange Vorbereitung
Die TOUR-Transalp erscheint uns maßgeschneidert: mordsmäßig
schwer, aber durchaus machbar und als Teamrennen ein ideales Projekt zu zweit.
Fortan schmieden Martin und ich über Monate gemeinsam (Trainings-)Pläne und
schaufeln zwischen Arbeit und Familienleben möglichst viele Radstunden frei. Wir
diskutieren über Material und Ausrüstung, studieren immer wieder jeden einzelnen
Anstieg, können irgendwann alle Transalp-Filme der Vorjahre mitsprechen und
zermartern uns die Gehirne, mit welchem Bergtempo wir wohl gleichmäßig durch die
Woche kommen, ohne zwischendurch total einzubrechen.
Gluthitze: Bei Temperaturen bis 40 Grad in Südtirol sorgt
der Italiener mit der Gießkanne für ein erfrischendes Intermezzo.
Als der Tag der Tage gekommen ist, glauben wir uns beim Start
in Mittenwald bestens vorbereitet, um vielleicht – so unser Wunschdenken – im
Mittelfeld der 620 Teams die Alpen zu bezwingen. Doch grau ist alle Theorie.
Wider besseres Wissen fahren wir zu schnell, lassen uns von Tempobolzern und
eigenem Adrenalin mitreißen. Folge: Die ersten steilen Rampen setzen uns so zu,
dass wir Zweifel bekommen, ob eine Woche Hochgebirge im Stück für uns nicht doch
eine Nummer zu groß ist. Ist sie aber glücklicherweise nicht. Fortan schaffen
wir es tatsächlich, unsere Kräfte diszipliniert über alle Tage zu dosieren. Wir
bleiben stets zusammen, ermahnen uns gegenseitig, wenn einem mal die Gäule
durchgehen, überwinden gemeinsam unsere toten Punkte, sprechen uns Mut zu.
Teamwork: Gemeinsam geht's auch an den steilsten Rampen
besser. Gewertet wird im Ziel nur die Zeit des Zweitplatzierten jedes
Duos.
Die grandiosen Bergwelten, die wir im Schnitt fünf Stunden
täglich durchqueren, nehmen wir meist erst abends auf Fotos wahr. Auf dem Rad
gilt der (Tunnel-)Blick fast nur den Leistungsdaten auf dem Computerdisplay am
Lenker und dem Hinterrad des Vordermannes. Wer im Ziel weniger kaputt ist,
besorgt Essbares und Cola, denkt sich irgendwelche ermunternden Sätze für den
ins Leere stierenden Kollegen aus, sucht auf dem Ortsplan das für die nächste
Nacht gebuchte Hotel und den Weg dorthin.
Volles Programm rund um die Uhr
Glücksmoment: Martin Paffenholz (li.) aus Bad Breisig und
Redakteur Volker Laabs überqueren nach 800 Kilometern, 20 000 Höhenmetern und
37:20 Stunden Fahrzeit in Arco unweit des Gardasees die Ziellinie.
Wir fahren im Team, wir lachen und leiden im Team. Den Stress
nach jeder Etappe teilen wir ebenfalls durch zwei: Unterkunft finden,
einchecken, hastig die Utensilien für eine Übernachtung aus dem Gepäck suchen,
duschen, Muskeln dehnen, Trikots, Hosen etc. waschen, Trinkflaschen säubern,
Rennräder checken, Kette ölen, Leistungsdaten am Laptop auswerten, Radklamotten
für den nächsten Tag bereitlegen und, und, und. Abends dann zu Fuß zur
Pastaparty, Schlange stehen zum Kohlenhydrate-Tanken, Tagessieger beklatschen,
Tipps des Rennleiters für die nächste Etappe aufsaugen, auf schweren Beinen
zurück ins Hotel, schlafen bis 6.15 Uhr, um 7 Uhr vor dem Frühstück die
Gepäcktaschen zum Weitertransport abgeben, um 7.30 Uhr essen, um 8.30 Uhr im
Startblock stehen, um 9 Uhr zu „Highway to hell“ von AC/DC erneut losrasen.
Warum wir uns das alles antun und dafür auch noch Geld
bezahlen? Weil es für einen Hobbysportler gigantisch ist, mit Hunderten
Gleichgesinnter sieben Tage unter Profi-Bedingungen auf abgesicherten Strecken
aus eigener Muskelkraft über alle Berge zu kommen, immer wieder angefeuert von
unzähligen Radsportfans an den Straßen. Weil es unbeschreiblich schön ist, Seite
an Seite tatsächlich das Ziel zu erreichen, für das man gemeinsam so viele
Monate so hart trainiert hat.
Und los: Aus den Boxen wummert „Highway to hell“ von AC/DC,
wenn die mehr als 1200 Teilnehmer allmorgendlich um 9 Uhr zur nächsten Etappe
starten – hier an der Uferpromenade des Bergsees im Dolomiten-Dorf
Alleghe.
Wir benötigen genau 37 Stunden, 20 Minuten und 31,5 Sekunden,
landen schlussendlich auf Rang 330 von 620 gestarteten Teams – für die Statistik
eine Platzierung im Nirgendwo, für Martin und mich jedoch ein großer
Sieg.
Transalp kompakt:
Das Rennen:
Die TOUR-Transalp findet seit 2003 immer Ende Juni/Anfang Juli
statt, im nächsten Jahr vom 26.6. bis 2.7.2011. Sie führt in sieben Etappen über
die Alpen und ist eines der härtesten Etappenrennen der Welt für ambitionierte
Hobby-Rennradfahrer.
Die Strecke:
Variiert jährlich. 2010 ging's von Mittenwald über Sölden,
Brixen, St. Vigil, Alleghe, Kaltern und Trento nach Arco (fünf Kilometer
nördlich des Gardasees). Tagesdurchschnitt der sieben Etappen: 114 Kilometer und
2900 Höhenmeter, insgesamt waren 18 Alpenpässe zu bezwingen. 2011 führt die
Transalp von Sonthofen im Oberallgäu durch Österreich und Italien über Imst,
Ischgl, Naturns, Livigno, Ponte di Legno und Kaltern nach Arco. Die genaue
Streckenführung verraten die Veranstalter immer erst in der letzten
Novemberwoche.
Das Reglement:
Gestartet wird ausschließlich in Zweierteams. Das
Teilnehmerfeld ist auf rund 620 Mannschaften limitiert, unterteilt in die
Wertungsklassen Herren, Damen, Mixed, Masters (Gesamtalter beider Teampartner
mindestens 80 Jahre) und Grandmasters (mindestens 100). Es zählt ausschließlich
die Zeit des Zweitplatzierten jedes Duos.
Die Anmeldung für 2011:
Ist nur online möglich. Beginn: am 1. Dezember um Punkt 12 Uhr.
Hier geht es um 550 Team-Startplätze, die stets in Windeseile an die vergeben
sind, die das Internet-Formular am schnellsten ausfüllen. Die übrigen Plätze
behält sich der Veranstalter unter anderem für Sponsoren vor.
Die Startgebühr:
625 Euro pro Teilnehmer. Inklusive sind unter anderem der
tägliche Gepäcktransport, Verpflegung während und nach dem Rennen, Absicherung
der Strecke, medizinische Versorgung, Mechaniker-Service, allabendliche
Pastaparty mit den Fotos des Tages, Briefing für die nächste Etappe und die
begehrten Finisher-Trikots. Übernachtungen sind im Preis nicht enthalten.
Angeboten wird ein Gemeinschaftscamp (8 Nächte in Schulen oder
Sporthallen; 150 Euro inklusive Frühstück). Wer es komfortabler wünscht: Hotels
müssen individuell gebucht werden.
Umfassende Transalp- Informationen im Internet:
www.tourtransalp.de
Die ganze Seite der RZ als PDF-Datei
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